Die Blindgänger München, Deutschland

Aus einem Theaterprojekt der SWW (Südbayrische Wohn- und Werkstätten für Blinde und Sehbehinderte gGmbH), initiiert durch Kunigunde Thiess, entwickelte sich unter Leitung der Regisseurin Sacha Anema das En­semble „Die Blindgänger“. Es entstand eine integrative Gruppe, die sich zur Aufgabe ge­macht hat, professionelle Kunstprodukte für den freien Markt zu schaffen.
Der Mix aus Schauspielern mit und ohne Be­hin­derung zusammen mit professionellen Darstellern zeichnet „Die Blindgänger“ aus. Ästhetische Vielseitigkeit, Bewegung und Raum, Umgang mit Text, Ton und vi­su­ellen Medien prägen ihre Auftritte.

Blinde und Sehbehinderte befinden sich bereits im Alltag in einer unfreiwilligen Bühnensituation: In der Öffentlichkeit ziehen sie rasch neugierige oder besorgte Blicke auf sich. Professionelle Theaterarbeit hilft zunächst einmal, durch die spielerische Erweiterung eigener sprachlicher und körperlicher Ausdrucksformen mit solchen Situationen leichter umzugehen. Pädagogischer Anspruch und therapeutischer Nutzen sind dabei keinesfalls gering zu veranschlagen. Die Akteure lernen die Bewegungsmuster ihres Körpers besser kennen und gezielt einzusetzen. Die Darstellung starker Gefühle wie Wut, Angst, Trauer oder Freude trägt dazu bei, innere Spannungen zu kanalisieren und Blockaden zu lockern. Lautes Reden und Schreie haben auch von daher ihren Sinn, wie denn überhaupt die Proben genauso wertvoll sind wie die eigentliche Aufführung.

Eine ernst zu nehmende Theaterarbeit bietet jedoch neben ihren pädagogisch-therapeutischen Aspekten zugleich eine künstlerische Perspektive, ausgehend von der Persönlichkeit des Darstellers. Geburtsblinde sind in ihrer mimischen Ausdrucksfähigkeit zunächst eingeschränkt; Sehbehinderte verfügen über eine besondere Art von Wirklichkeitserfahrung und haben entsprechende Kommunikationsformen entwickelt. Ungenormtes wird daher auf der Bühne nicht abgeschliffen, sondern ebenso wie besondere Fähigkeiten als Potenzial erkannt. In diesem Zusammenhang ergibt sich die Möglichkeit, an andere traditionelle Formen des Theaters anzuknüpfen, die an die Stelle realistischer Gestaltung eher die Konstruktion von Wirklichkeiten setzen, wie es beispielsweise das mittelalterliche Mysterienspiel, die barocke Allegorie oder das Absurde Theater der Nachkriegszeit getan haben.

Dass Blinden die Inspiration durch nonverbale Kommunikationselemente weitgehend fehlt, stellt eine Herausforderung dar.
Ziel bleibt es, „Blindheit“ auf der Bühne nicht unsichtbar, sondern unwichtig zu machen.

BISHERIGE PROJEKTE (Auszug)

„Eile mit Feile“ (2003)
„Der Ausflug“ (2004)
„Über den Wolken“ (2007)
„Wildwechsel“ (2009)